Erste Streitfrage: Zentral oder dezentral? Über 80 % der Erzeugungskapazitäten in konventionellen Großkraftwerken sind in Händen von vier Energiekonzernen.
Doch das Geschäft mit der Erzeugung regenerativer Energie in dezentralen Anlagen beherrschen sie nicht. Der Marktanteil liegt hier unter 20 %.
Allerdings haben die Konzerne Interesse, künftig auch die erneuerbaren Energien in Großkraftwerken zu transformieren.
Dieses Interesse ist die beste Begründung für die immer wiederkehrenden Bemühungen, den in Kleinanlagen erzeugten Strom durch Sonne und Wind zu begrenzen und Offshore-Großprojekte besser zu fördern. Wirtschaftlich gibt es dazu keinen Grund.
Mit Erzeugungskosten von rund 20 Cent/kWh ist Strom aus Photovoltaik in etwa gleich teuer wie Hochsee-Strom, wenn man die Kosten der Tiefseekabel für den Stromtransport mit einrechnet. Strom aus Windkraftanlagen an Land wiederum ist heute und in Zukunft nur halb so teuer wie Strom aus Hochseewindparks.
Sollte die Bundesregierung dennoch die Förderung von Photovoltaik und Windkraft an Land extrem kürzen, um parallel die Vergütung für Offshore-Windparks enorm zu erhöhen, ist das volkswirtschaftlich unüberlegt. Nur die großen Konzerne sind Profiteure, da einzelne Bürgerenergiegesellschaften oder Stadtwerke Investitionen von bis zu 2 Milliarden Euro für einen Hochseewindpark nicht aufbringen können.
2. Streitfrage: Welche Speicher?
Es stehen im Wesentlichen drei Optionen zur Wahl: Batteriespeicher, Erdgasspeicher und Pumpspeicherkraftwerke. Pumpspeicherkraftwerke haben sich vor allem im Alpenraum seit mehr als einem Jahrhundert bewährt, sind aber in der Kapazität sehr begrenzt.
Voraussichtlich wird eine Speicherkapazität für mehrere Wochen des deutschen Stromverbrauchs benötigt. In Skandinavien stehen schon jetzt Speichervolumen in Stauseen zur Nutzung, das bei einem kurzfristigen europäischen Speicherenergiebedarf einen Grossteil decken könnte. Jedoch fehlt größtenteils das Unterbecken und auch für den Energietransport bräuchte man gigantische Netze.
Wegen des Aufschwungs der Elektromobilität sind derzeit Batteriespeicher in aller Munde. Allerdings sind Batterien für Elektroautos noch sehr teuer, zusätzlich müsste für den Einsatz als Speicher das gesamte Mittelspannungsnetz neu aufgebaut werden, da die Leistungsfähigkeit von Transformatoren und Leistungen für solche Belastungen nicht ausreichen.
Im aktuellsten Vorschlag mit Blick auf zügige Realisierung wird auf die bereits bestehenden Erdgaskavernenspeicher in Deutschland gesetzt. Tatsächlich ist deren Fassungsvermögen so groß, dass der gesamte Speicherenergiebedarf des deutschen Stromnetzes abgedeckt werden könnte. Zur Stromerzeugung eingesetzt werden können hocheffiziente Gaskraftwerke und kleine Blockheizkraftwerke.
Grundsätzlich steht der Prozess der Wasserstoff-Elektrolyse zur Verfügung, um überschüssige erneuerbare Energie einzuspeichern. Der Wasserstoff bis zu einem Anteil von 10 % direkt dem Erdgas beigemischt werden, ohne eine gesonderte Infrastruktur zu fordern. Erst darüber hinaus wird es erforderlich sein, zur Methanisierungstechnologie zu greifen. Unter der man versteht, dass der mit Strom CO2 und Wasser in Erdgas (Methan) umgewandelt wird. Dennoch muss dies noch im großtechnischen Maßstab umgesetzt werden. Zu kontrollieren ist ebenfalls noch, ob man mit bekannten Verfahren, wie beispielsweise der kombinierten Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmespeichern und Wärmepumpen kostengünstigere Speichertechnologien entwickelt werden können.
Die Lösung der Speicherfrage eilt, einen Königsweg gibt es nicht. Leichter durchsetzbar sind Pumpspeicherwerke wie im Schwarzwald, sollten die Alternativen in Skandinavien oder im Erdgasnetz geprüft und als nicht genügend oder derzeit unwirtschaftlich erklärt werden.
3. Streitfrage: Welche Brücken?
Da die Vollversorgung durch erneuerbare Energien noch Zeit benötigt, brauchen wir Brückentechnologien. Wichtige Personen in Union und SPD setzen nun wieder vermehrt auf Kohlekraftwerke. Den Regelbedarf können diese allerdings nur eingeschränkt abdecken und sind außerdem teurer als Gaskraftwerke.
Die einzige akzeptable fossile Brücke zu den erneuerbaren Energien für die Grünen momentan sind hocheffiziente Erdgaskraftwerke. Nichtsdestotrotz ist selbst deren Bau wirtschaftlich kaum attraktiv, da sie nicht genügend Jahresbetriebsstunden erreichen.
4. Streitfrage: Welche Leitungen?
Die Voraussetzung für den sinnvollen Ausbau der Stromnetze setzt Entscheidungen über Technik und Standorte von Brückenkraftwerken und Speichern voraus. Sollten skandinavische Speicher und Strom aus der afrikanischen Wüste eine großtechnische Lösung im interkontinentalen Maßstab liefern, so werden Hochspannungsübertragungsleitungen quer durch Europa und Deutschland erforderlich. Sind dezentrale Erzeugungsstrukturen und dezentrale Speicher in Verbindung mit dem Erdgasnetz zur Bereitstellung von Regelenergie die Zukunft, so spielen derartige Investitionen eine zumindest geringere Rolle. Wer die Leitungen in Deutschland bauen will, muss Bürgerinitiativen erklären können, welche Struktur der zukunftsweisenden Energieversorgung dies erforderlich macht. Im Herbst wird das Stuttgarter Umweltministerium Regionalkonferenzen zur Energiewende und der Frage durchführen, wie mehr Windenergie mit regionaler Wertschöpfung verknüpft werden kann.
Diese Debatte aus der Fachwelt ist erstaunlicherweise jetzt erst dabei, die Politik sowie die Öffentlichkeit zu erreichen. Und das obwohl viel auf dem Spiel steht! Denn wird die Energiewende falsch angepackt, drohen längere Stromausfälle oder extreme Preisanstiege. Verfolgen wir hingegen ein finanziell und ökologisch verbessertes Umbauverfahren für eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien, so kann sich Deutschland enorme wirtschaftliche Vorteile sichern: Unabhängigkeit von Energieimporten, günstige Strompreise und einen Vorsprung für die Industrie, die für die erneuerbare Vollversorgung neue Technologien.
(Quelle: www.taz.de)













